Interview: Wie der Übergang gelingen kann

Isabell StriederDas QM, das Quartiersmanagement Brunnenviertel-Ackerstraße, wird Ende 2020 verstetigt. Das heißt, dass die Förderung über die Städtebauförderung (Soziale Stadt) zu diesem Zeitpunkt ausläuft und das Vorortlbüro geschlossen wird. Während der Verstetigung leitet Isabell Strieder von der complan Kommunalberatung GmbH das Projekt „Stärkung des Quartiersrates, der Ehrenamtlichen und der Akteure" (Arbeitstitel). Sie wird Quartiersrat, Ehrenamtlichen und Einrichtungen im Gebiet Ackerstraße helfen, sich auch nach Beendigung des QMs für ihren Stadtteil einzusetzen. Im Interview fragt der Kiezreporter, was sie und ihr Team bis Dezember 2020 vorhaben.

Frau Isabell Strieder, was planen Sie, was hat Ihr Projekt vor?

Isabell Strieder: Wir möchten erreichen, dass die Mitglieder des Quartiersrats und der Aktionsfondsjury ab 2021 sich selbst organisieren und eine vergleichbare Arbeit wie bisher fortführen können. Mit welcher Organisationsstruktur, in welchem Umfang und mit welchen Zielen im Detail, das wird gemeinsam mit den Mitgliedern der Gremien in den kommenden Monaten erarbeitet werden.

Zweites großes Ziel ist, dass den Menschen im Brunnenviertel die Angebote und Möglichkeiten zur Beteiligung besser bekannt sind und neue Ehrenamtliche für die Quartiersgremien gewonnen werden. Das ist nicht nur sinnvoll für den Zusammenhalt und die Entwicklung des Quartiers, sondern macht der oder dem Einzelnen vor allem auch Spaß und man lernt viele neue Leute aus der Nachbarschaft kennen.

Mit welchen Schritten wollen Sie diese Ziele anstreben?

Unser Projekt ist in sechs Bausteine aufgeteilt. Ersten Baustein bilden Abstimmungen mit dem Quartiersrat und Aktionsfondsjury. Dabei geht es um eine Ideensammlung, wie es ohne Quartiersmanagement weitergehen könnte. Es geht um Antworten auf die Fragen, welche Formen von Zusammenschlüssen denkbar sind und was sich die einzelnen Mitglieder wünschen. Wir besuchen hierfür auch andere Stadtteilgruppen, um Ideeninput zu möglichen Organisationsformen zu bekommen.

Zweiter Baustein ist die konkrete inhaltliche Begleitung der Runde. Hier geht es um praktische Wissensvermittlung für die Umsetzung von Vorhaben. Zum Beispiel: Wie lässt sich ein Plakat oder Flyer einfach gestalten? Wie kommuniziere ich in sozialen Medien? Vielleicht sind Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen hilfreich, aber das wird sich erst im weiteren Prozess herauskristallisieren.

Die Arbeit mit den sozialen Einrichtungen im Stadtteil bildet unseren dritten Baustein. Momentan werden diese Einrichtungen in verschiedenster Weise durch das Quartiersmanagement unterstützt, zum Beispiel durch die Bereitstellung von Fördergeldern, Öffentlichkeitsarbeit und die Vernetzung untereinander. Damit die durch die Verstetigung entstehende Lücke etwas verringert wird, werden wir diesen Einrichtungen durch zielgerichteten Qualifizierungsangeboten unter die Arme greifen

Und was sind die Bausteine vier bis sechs?

Die weiteren Bausteine verfolgen ähnliche Ziele wie die ersten drei Bausteine. Um mehr Personen auf die Angebote im Stadtteil aufmerksam zu machen, erstellen wir – gemeinsam mit Menschen aus dem Quartier – kurze Videopodcasts zu Themen wie „Angebote für Familien“, „Sport im Stadtteil“ oder „Schöne Orte im Kiez“. Diese werden anschließend über soziale Medien verbreitet und Einrichtungen für ihre eigenen Homepages zur Verfügung gestellt.

Beim fünften Baustein organisieren wir kleine Aktionen und Infostände im Kiez um über die Angebote im Stadtteil und Beteiligungsmöglichkeiten informieren. Hierbei erhoffen wir uns natürlich auch, neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter für eine Fortführung des Quartiersrats zu gewinnen.

Unser sechster und letzter Baustein ist die Erstellung eines Willkommenspaketes für neu in den Kiez zugezogene Menschen. Das Paket soll in Zusammenarbeit mit den Wohnungsgesellschaften an die Zuziehenden fortlaufend ausgegeben werden. Neue Nachbarinnen und Nachbarn werden hierdurch auf die Angebote im Brunnenviertel hingewiesen und motiviert, sich in das Quartier aktiv einzubringen.

Sie sind angestellt bei der complan Kommunalberatung GmbH. Wer ist das?

Complan ist ein mittelständisches Unternehmen mit Sitz in Potsdam und mit weiteren Standorten in Berlin, Bielefeld und Kiel. Wir sind in mehreren Feldern der Stadt- und Regionalentwicklung aktiv. Zu einem Großteil entwickeln wir gemeinsam mit Städten und Gemeinden strategische Konzepte zu räumlichen Entwicklungen in einem Gebiet. Wir arbeiten hierbei fast immer mit den Menschen vor Ort zusammen, zum Beispiel um Handlungsbedarfe in einem Gebiet zu identifizieren oder um die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger bei Entwicklungszielen berücksichtigen zu können.

Können Sie etwas zu Ihrer Person sagen?

Ich habe Geographie und Sozialwissenschaften studiert und wohne im Wedding in der Nähe des Brunnenviertels. Mich hat das Programm Soziale Stadt schon immer begeistert, weil es Menschen dazu befähigt, an der Stadtteilentwicklung teilzuhaben und demokratische Prozesse auf kleinster Ebene umzusetzen. Mich überrascht es immer wieder zu sehen, wie viele tolle, engagierte Personen es gibt, die sich für andere und ihr Umfeld einsetzen. Wenn man ein Quartier nur von außen betrachtet oder oberflächlich in ihm lebt, bekommt man das gar nicht mit. Mir gibt dies Hoffnung und es bildet ein gutes Gegengewicht zu der oft gefühlten Gleichgültigkeit der Menschen in einer Großstadt oder Hass und Hetze, die sich momentan ja leider oft in den Medien wiederfinden.

Isabell Strieder

07.10.2019

Interview und Fotos: Andrei Schnell