Campusschule im Brunnenviertel: Geschichte einer Idee

Ernst-Reuter-Oberschule BrunnenviertelMit der Rütli-Schule in Neukölln, die sich von der Brandbrief-Schule zur Vorzeigeschule entwickelte, kam die Campus-Idee nach Berlin. Auch für das Brunnenviertel sollte es einen Campus geben. Diese Idee hat das Quartiersmanagement zusammen mit anderen Akteuren hartnäckig weiter verfolgt. Aus Anlass der aktuellen Ausschreibung "Campus: Inhaltliche Stärkung - MINT, Kooperationen, Ausstattung" ein Blick zurück auf die Geschichte der Campus-Idee.

Der Blick des Quartiersmanagements: Campus im IHEK

Im Integrierten Entwicklungs- und Handlungskonzept (IHEK) von 2010 (verfasst im Dezember 2009) findet sich der Begriff Campus zum ersten Mal. "Aufgrund ihrer räumlichen Nähe sind die beiden Schulstandorte [Ernst-Reuter-Oberschule und Gustav-Falke-Grundschule] prädestiniert für die Entwicklung eines gemeinsamen Campus". Die Idee wird beschrieben mit den Worten: "Verstanden als zentraler Ort der Bildung und Freizeit für alle". 2010 fand eine Klausurtagung zwischen Vineta-Grundschule, Gustav-Falke-Grundschule und Ernst-Reuter-Oberschule statt, wie im IHEK 2011 nachzulesen ist. Der Name wechselte zu "Campus Bernauer Straße". Im IHEK 2015/16 wird die Möglichkeit einer Sanierung der Ernst-Reuter-Schule durch SIWA-Mittel (Sondervermögen Infrastruktur der wachsenden Stadt). erwähnt. Stand heute (Juli 2019) ist die Sanierung der Ernst-Reuter-Schule im Nachfolgeprogramm SIWANA allerdings weiterhin "in Planung". Im letzten IHEK 2017/18 wird die Möglichkeit einer "Leuchtturmschule" als "Campus mit der Gustav-Falke-Grundschule" beschrieben,.Im aktuell veröffentlichten Aktionsplan des Quartiersmanagement geht es um die Inhalte eines möglichen Campus': "Entwicklung gemeinsamer MINT-Campus mit Gustav-Falke-GS ... Die Schulen sollen bis 2020 ein klares MINT-Profil haben". MINT ist die Abkürzung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Der Blick des Bezirks: Machbarkeitsstudie und Co.

Im November 2015 besuchte Sabine Smente als Stadträtin das Brunnenviertel. Bei einem Rundgang durch das Viertel sprach sie in den Fluren der Ernst-Reuter-Oberschule von einer "Vision", die "sie für die Schule habe". Unter anderem versprach sie 3,5 Millionen Euro für eine Machbarkeitsstudie.

Das Architekturbüro Jahn, Mack und Partner hat mit Datum 16. November 2016 eine Machbarkeitsstudie erstellt. Zu sehen waren Teile davon unter anderem am 25. April 2018 bei einem Politikerbesuch in der Ernst-Reuter-Oberschule. Der Weddingweiser hat über diesen Termin berichtet und zeigt Fotos von Grafiken der Studie. Der vorgeschlagene Abriss, Umbau und Neubau (Artikel "Klappt ein Neustart an der Ernst-Reuter-Schule?") ist gut zu erkennen. Deutlich wird der Vorschlag, die Strelitzer Straße aufzugeben und in Schulhof umzuwandeln. Auch Stadtrat Carsten Spallek (CDU) hat am 14. Juni 2018 Fotos von diesen Plänen im Internet veröffentlicht. Auf Facebook schrieb er am 14. Juni 2018 von der "ersten Sitzung der Projektgruppe".

Ausführlich über den Inhalt der Machbarkeitsstudie berichtet ein Wortprotokoll eines Rundganges des Bezirksausschusses für Schule am 12. April 2018, der in der Ernst-Reuter-Schule stattfand. Im Kern wurde bei diesem Termin über die Sanierung der Ernst-Reuter-Schule durch den Berliner Senat gesprochen. Die "Gründung eines gemeinsamen Schulstandortes mit der Gustav-Falke-Grundschule" sei eine "Idee".

Eine Suche innerhalb der Webseite der Bezirksverordnetenversammlung ergibt unter den Drucksachen keinen Treffer bei den Worten Campus, Ernst-Reuter-Oberschule oder Gustav-Falke-Grundschule. Das bedeutet, es gibt keinen Antrag, keinen Beschluss und keine Vorlage, die den Campus explizit zum Thema hat.

Der Blick des Senats: Schulbauoffensive

Im Bericht der Schulinspektion der Ernst-Reuter-Oberschule vom Schuljahr 2018/19 heißt es zum Campus-Gedanken: "Die Vision des Schulleiters, aus der Ernst-Reuter-Schule einen Campus Bernauer Straße als MINT-Leuchtturm zu entwickeln, wird von der regionalen Schulaufsicht mitgetragen. Das Kollegium begegnet diesem Vorhaben überwiegend offen."

In der Schulbauoffensive, einem auf zehn Jahre angelegtem 5,5-Milliarden-Euro-Investitionsplan der Stadt Berlin, wird die Ernst-Reuter-Oberschule als "Großschadensfall" geführt. Auf 25 Millionen Euro werden die Kosten für die Sanierung durch Abriss und Neubau geschätzt. Dieser Umbau soll durch die Howoge gestemmt werden. Unpräzise heißt es in der Schulbauoffensive "Qualifizierung Gesamtstandort" und "Arrondierung". Das kann einen gemeinsamen Campus mit der Gustav-Falke-Grundschule beinhalten, aber auch eine eigenständige Sanierung meinen.

Die Idee eines Campus' in der Presse

In die breite Öffentlichkeit ist die Idee des Schulcampus' bislang noch nicht vorgedrungen. Die Regionalausgabe des Wochenblattes "Berliner Woche" zitiert am 26. Januar 2017 den Stadtrat Carsten Spallek mit den Worten: "Das Projekt Reuter-Campus steht ganz am Anfang".

Warum ein Campus?

Die Antwort des Berliner Senats auf einen Brandbrief der Lehrer der Neuköllner Rütli-Hauptschule im Jahr 2006 war die Zusammenlegung der Schule mit benachbarten Grund- und Realschulen zum Rütli-Campus. Wegen des Erfolges dieses Modells wollte der Quartiersrat die Campusidee auch im Brunnenviertel anwenden. Wobei die Besonderheit wäre, dass die Gustav-Falke-Grundschule mit ihrem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt bereits bewiesen hat, wie durch inhaltliche Profilbildung eine positive Schulentwicklung möglich ist. Grundidee ist, dass die beide Schulen im Gebiet Ackerstraße gemeinsam noch mehr erreichen könnten.

17.07.2019

Text und Fotos: Andrei Schnell