Literarischer Kiezspaziergang durch das Brunnenviertel

Ein skeptischer Blick zum Himmel: Na, hält das Wetter? Es hielt und so stand dem literarischen Kiezspaziergang am 20. Oktober als Abschluss der „Woche der Sprache und des Lesens im Wedding 2013“ nichts im Wege. Quartiersratsmitglied Jan Dzieciol und Kiezredakteurin Regina Friedrich zeigten ihre Lieblingsplätze im Brunnenviertel.
Am Treffpunkt Gleimoase erzählte Dunja Berndt einführend etwas über die grüne Verkehrsinsel. Seit drei Jahren pflegt sie mit Holger Eckert das einst verwilderte Fleckchen, dass sich inzwischen zu einem Treffpunkt für die Nachbarschaft entwickelt hat. Dafür haben sie in diesem Jahr einen zweiten Platz belegt beim Umweltpreis Mitte.
Dann übernahm Jan Dzieciol die Führung und es ging gleich schräg gegenüber in die Tortenwerkstatt, wo nicht nur am Wochenende leckere Backwaren serviert werden. Diesmal gab es aber eher geistige Nahrung, im Gastraum las Ilka Haederle einen Text und brachte die Gruppe zum Schmunzeln.


Nächste Station war das St. Afra Stift mit seiner Hausfront im preußischen Spitalstil. Nett, mag sich da mancher gedacht haben und war dann überrascht, als es in den Hof ging. Nicht nur, dass das Kirchengebäude, wie damals für katholische Kirchen vorgeschrieben, im Hinterhof stand, die rückseitige Fassade war auch irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten modernisiert worden - ein ganz normales Wohngebäude. Das Stift wurde 1898 als „Heim für gefallene Mädchen“ errichtet und beherbergte bis 1996 noch Ordensschwestern. 2006 erwarb das Institut St. Philipp Neri Berlin die Kirche und später die Stiftsgebäude. Die Heilige Messe wird dort übrigens im klassischen römischen Ritus abgehalten.
Über den lauschigen Hof ging es weiter zum geschlossenen ehemaligen Diesterweg-Gymnasium. Jan Dzieciol erzählte, dass es für das derzeit im Dornröschenschlaf befindliche Gebäude Ideen gibt für eine neue Nutzung, zum Beispiel Wohnungen und Kleingewerbe. An der Brunnenstraße eine Enttäuschung, der  Supermarkt war geschlossen, also wurde eine Lesung gleich nebenan improvisiert. Robert Rescue von den Weddinger  „Brauseboys“ las „Geschichten aus der Müllerstraße“. Umwerfend komisch das Verkaufsgespräch im Kiosk: „Eine BZ, einmal Zigaretten und drei Handgranaten bitte“.


Irgendwie lief die Zeit davon und die Gruppe weiter zur Bernauer Straße, nun der Kiezreporterin Regina Friedrich hinterher. Hinter den Siebziger-Jahre-Bauten boten sich im Wohnhof an der Hussitenstraße unerwartet Fassaden in deutscher Renaissance, Romanik und märkischer Backsteingotik. Verblüffung allerseits: „Das hätte ich ja nun nicht erwartet!“. Ein Blick auf die Uhr – die Mauergedenkstätte, der Park am Nordbahnhof, die Liesenbrücke müssen leider heute entfallen. Vielleicht bei einer nächsten Tour?
Jetzt erstmal die Ackerstraße entlang. Da war der berüchtigte „Meyer's Hof“, dort die Schrippenkirche, hier die Ernst-Reuter-Siedlung, ganz hinten die Versöhnungskirche – Berliner Geschichte im Schnelldurchlauf. Weiter zum Gartenplatz. Die Gruselgeschichten von den Gehängten, die dort bis 1837 ihr Leben ließen, sorgten wie immer für Gänsehaut, gut zu wissen, dass der Platz nach der Neugestaltung ein Treffpunkt für Familien ist.


Schnellen Schrittes ging es weiter zur Wattstraße, vorbei am Familienzentrum zum Theater28. Dort warteten die Kinder schon auf die Gruppe. Nachdem alle Platz gefunden hatten, lasen sie weiter aus ihrem Theaterstück, das sie demnächst einstudieren wollen. Obwohl es um ein so ernstes Thema wie Mobbing ging, ernteten die jungen Mimen doch so manchen Lacher, denn einige zeigten schon erstaunliches schauspielerisches Talent. Dafür gab's freundlichen Applaus.
War doch interessant, sollte mal mal wieder machen, so die Meinung der Teilnehmer. Mal sehen, ob sie so lange warten müssen bis zur nächsten Lesewoche...

ReF

 

Impressionen von Michael Becker